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Blut Fasching Bühne

Beitrag im Buch 

Von den Schmauchspuren des Bürgerkriegs zum Theaternebel.

Hinter Glas, in einem abgelebten Schrank ruhen ein Bild und ein Buch von Dr. Bruno Kreisky: „Zwischen den Zeiten“- Erinnerungen aus fünf Jahrzehnten. Aus dem Buch ragend, als Lese- oder vielleicht als Erinnerungszeichen, zweimal der gleiche, ausgeschnittene Zeitungsartikel: “Schießt, ihr Hunde, wir sterben für die Freiheit“, steht unter einem grob gerasterten Schwarzweißfoto: Vordergründig, im unteren Drittel, drei Stahlhelme, vier Gewehrläufe und ein Barett. Körper und Uniformen sind angedeutet, dunkle Silhouetten, kein Gesicht ist zu erkennen. Der anonyme Tod legt an. Er zielt auf sechs Männer in Arbeiterkluft, die mit dem Rücken zur Wand stehen. Einer starrt auf den mit Holz beplankten Boden – eine Bühne. Drei der Männer fixieren Ihre Mörder und zwei erblicken uns Rezipienten. Ihre Augen sahen die Liebsten zum letzten Mal, nie mehr werden sie „einfahren“, „die Kaue“ niemals mehr betreten, Kanzler Dollfuß „klopft zur letzten Schicht“. Das – kurz nach dem Ereignis nachgestellte – Foto zeigt sechs Menschen vor Ihrer Erschießung. Es stellt auch die letzten Sekunden von Teilen meiner Verwandtschaft dar. „ Anton Zarabnicky war der Mann meiner Schwester Antonia, sie hat das nie verwunden“, höre ich Anna Krüger heute noch sagen „sein Bruder Josef überlebte schwerverletzt. Was Lourdes für Christen, ist Holzleithen für Sozialisten“ wiederholte sie immerzu. Urgroßmutter Anna Krüger, eine 1902 in Altenessen im heutigen Ruhrpott geborene Zupancic, lag bis zu Ihrem Tode 1984 in einem kleinen Parterrezimmer einer zum Haus ausgebauten Baracke. Aufopferungsvoll gepflegt durch Schwiegertochter und meine Oma Wilma Krüger, dafür von niemandem bedankt. Auf einem Liegestuhl, nur Haut und Knochen im violetten Schlafrock, durch einen Oberschenkelhalsbruch immobil. Ein regungsloses Beinpaar auf ledernen Fußstützen. Unzureichendes, düsteres Licht. Das Wohnzimmer kalt, ein blankes Spiegelbild des familiären Miteinanders. Es riecht förmlich nach Vergangenheit; man sieht die Depression und man fühlt die Wunden des Knochen- und Gesellschaftsbruchs. Ein grünlicher Linoleumboden mit löchrigen Stellen, nikotingebräuntes Inventar, leere Augen, verstaubte Schnapsgläser, unnatürlich silbern-blau gefärbtes Haar. Die östliche Wand mit dem kleinen Fenster wird durch eine Fototapete, die mit ihrem Sujet eines herbstlichen Birkenwalds zur Un-Heimeligkeit des Raums beiträgt, grotesk bekleidet. An einem dieser zweidimensionalen Bäume montiert, ein aus Holzintarsien gefertigtes Portrait eines Wolfshundes. Wegen seiner Gefährlichkeit war dieser, neben den alltäglichen Beschwerden, dem Schnapskonsum der Ortschaft, den unzähligen Prügeleien und der jeweiligen politischen Lage, ein beliebtes Thema in Gesprächen und innerfamiliären Erzählungen. „Rigo“, war ein Geschenk von Dr. Franz Edlinger.

Dr. Edlinger, meinem 1977 verstorbenen Urgroßvater Rudolf Krüger, Betriebsrat der »Wolfsegg-Traunthaler-Kohlenwerks-Aktiengesellschaft« (WTK), freundschaftlich verbunden, war Überlebender des Konzentrationslagers Ebensee und nach 1945 als Generaldirektor dieser Bergwerksgesellschaft nach Thomasroith, Gemeinde Ottnang am Hausruck, gekommen. Er verhalf meinen Urgroßeltern zu einem günstigen Grundstück mit Bretterbude in Bahndamm-Nähe. Rekonstruierbare 159 Jahre reichen die Wurzeln meiner Familie in die Hausruckregion zurück. Aus der Luft betrachtet wie ein waldiges Hufeisen geformt (das nur Wenigen Glück brachte), liegt an der linken, westlichen Öffnung und oftmals im Schatten des Pettenfirst, die Ortschaft Thomasroith. Heute von 600 Menschen bewohnt, wo vor 75 Jahren mehr als 1800 Männer, Frauen und Kinder hausten und Ihr Auskommen ausschließlich im Braunkohlebergbau suchen konnten, steht bis zum heutigen Tage unser familiäres Basislager. Meine tief eingesickerten Kindheitserinnerungen waren schlagartig wachgerufen, als mir 2004 der Rektor der Kunstuniversität Linz, Univ. Prof. Dr. Reinhard Kannonier von einem spannenden Theaterprojekt im Hausruck erzählte. Ich war zu dieser Zeit Student der „Bildhauerei-Transmedialer Raum“ und Vorsitzender der Österreichischen Hochschülerschaft an meiner Universität. Kannonier bat mich, über die Österreichische Hochschülerschaft einen interdisziplinären Lehrgang Set Design/Bühnenbild mit zu organisieren. Das tat ich und machte im Lehrgang selber mit.

Der Lehrende: Stefan Brandtmayr, Regie: Georg Schmiedleitner, Autor: Franzobel, Titel des Stückes: hunt oder der totale Februar, Thema: Bürgerkrieg in Österreich!

Im Februar 1934 schossen Österreicher auf Österreicher. Sozialdemokraten gegen Christlichsoziale, Schutzbund gegen Heimwehr. Demokratie gegen Ständestaat. Verzweiflung gegen Verachtung. Tote auf beiden Seiten! Besonders heftig waren die Kämpfe im Hausruck. Furchtbarer und zynischer Höhepunkt war die Erschießung von vier Schutzbund-Sanitätern im Kinosaal des Arbeiterheimes Holzleithen: „Hausruckwald Action“ mit abstoßendem Drehbuch. Eine Ermordung ohne Urteil, seither ungeklärt! Bis heute ein Aufreger in der Region. Mitten im Fasching Standrecht, Mord auf geschmückter Bühne. Lampions als Totenmonde, Lametta als Orden der Justifizierten.
Der sich hinter Gaspoltshofen abrupt auftürmende Bergkamm, der Hausruck, macht seinem Namen alle Ehre. Immer wieder rutschen „Leiden“ (ugs. für Hänge), und Häuser müssen rücken. Diese Bewegungen können, gemeinsam mit den unzähligen Dellen im Wald, verursacht durch Einbruch alter Bergwerksstollen, metaphorisch für die Bewegungen im Umgang mit heimischer Geschichte gelesen werden. Verwerfungen tun sich auf, Risse entstehen. „Unter Tage“, „im (politischen) Alltag untergegangen“. Die dunklen Orte im Hausruck als Allegorie zu bewusst getilgten Ereignissen. Der Versuch, Flurschäden billig zu bereinigen, als Gleichnis für die Handlungsweise von Politik, Gesellschaft und Individuum. Noch bevor die Wahrheiten der Vergangenheit gehoben und geborgen werden können, werden sie unter großer Eile verborgen, verdrängt und zugeschüttet, so werden „Hohlräume der Geschichte“ geschaffen. Vor diesem Hintergrund verwundert es, dass Thomas Bernhard seinen im Nachbarort Wolfsegg spielenden Roman “Die Auslöschung“ nannte, passender wäre wohl „Die Zuschüttung“. Weniger verwundert es, dass der Mensch sich nach furchtbaren Begebenheiten von der Erde abwendet und seinen Blick gen Himmel richtet. Vielleicht bezeichnet sich deshalb Wolfsegg auch als Luftkurort. Der kollektive Hausrucker Ausblick aufs Alpenvorland ist jedenfalls fantastisch, bei klarem Wetter sieht man bis zum Ötscher. Nur „kann man schöne Aussicht nicht essen“, wie Wolfseggs Bürgermeister Emil Söser einmal bemerkte. Jedenfalls funktionierten diese „natürlichen“ Ablenkungstaktiken beinahe 70 Jahre bestens. Bis zum Jahre 2002. In diesem wurde in Ottnang, dessen Ortsteil Thomasroith ist, durch die Kulturschaffende Ingeborg Aigner die Idee geboren, die blutigen Ereignisse des Februar 1934 in einem dokumentarischen Theaterstück aufzuarbeiten. Diese Idee reifte gegen Ende 2002 zu einem EU-Leader+-Projekt. Trotz Projektgenehmigung des Landes OÖ. drohte die Umsetzung an finanziellen Hürden zu scheitern. Ing. Roland König, Tourismusverbandsobmann und SPÖ-Mandatar in der Gemeinde Wolfsegg nahm die Idee auf und trieb sie gemeinsam mit Bürgermeister Söser in der eigenen Fraktion voran. Diese sponserte die erforderlichen Eigenmittel in der Höhe von 7 500 Euro. Die Gründung des Vereins „Theater Hausruck“ erfolgte im Juni 2004.


Theaterverein und Produktionsteam der ersten Stunde.

(Obmann: Ing. Roland König, Obmann Stellvertreter Josef Nagl, Schriftführer: Elfriede Steinkellner, Kassier: Franz Loidolt, Josef Leitner Infrastruktur am Brecher, Ingeborg Aigner Koordinatorin für Zeitzeugen, Produktionsleitung Chris Müller, Kostüm: Kornelia Kraske, Set Design/Bühnenbild Stefan Brandtmayr und Studierende der Kunstuniversität Linz, Musik: Rupert Schusterbauer, Bergknappenkapelle Kohlgrube unter der Leitung von Kurt Brunnbauer, Regie: Georg Schmiedleitner, Autor: Franzobel)

In Kohlgrube, früher von Bergarbeitern und deren Familien bewohnter Ortsteil von Wolfsegg, hat sich ein einzigartiger und faszinierender Ort für das Theaterprojekt angeboten, der für die Geschichte Pate stehen konnte. Ein Theaterraum, der Monumentalität, Erhabenheit und gleichzeitig schlummernde Brutalität ausstrahlt. Zu Gesicht bekommt man ihn erst nach Durchschreiten eines ihn umwuchernden Waldstücks am tiefsten Punkt des Dorfs. Der archaisch anmutende Betonsaurier wurde 1922 als 20 Meter hohe, 22 Meter lange und neun Meter breite Kohlebrech- und Sortieranlage errichtet und war bis 1968 als solche im Einsatz. Nach dem Ende des Braunkohlebergbaus verkam der Brecher zum Symbol für den Niedergang der Region. Eine vordergründig sinnentleerte Architekturskulptur, ein Betonskelett, um das sich niemand kümmerte: In keinem Architekturführer erwähnt, aus dem Bewusstsein der Bevölkerung gelöscht, als Schandfleck abgestempelt und im Wald versteckt. Die ungesühnten Morde des Jahres 1934, der Niedergang des Bergbaus und dieser Betonsolitär, von den aus Wolfsegg stammenden Brüdern Mag. Peter Weinhäupl, kaufmännischer Direktor des Leopold Museum Wien und Dipl. Ing. Wolfgang Weinhäupl, Architekt, im Jahre 2000 ersteigert und so vor dem völligen Verfall gerettet, gaben dem Projekt Strahlkraft und waren gleichsam die Initialzündung für die Theaterarbeit am Brechergelände. In monatelanger Arbeit wurde das Areal von Studenten der Linzer Kunstuniversität für Franzobels Stück adaptiert. Es wurde entwässert, beschottert und verkabelt. Bühnen – Aufbauten und eine Holztribüne für 700 BesucherInnen wurden geschaffen, Schienen wurden verlegt. Es wurde gemäht, gehämmert, gestemmt und wie im Hausruck üblich geflucht. Bergsteiger und Bergmänner, Pensionisten, Arbeitslose, Feuerwehrleute und viele andere Freiwillige aus der Region halfen mit, ein bizarres Naturtheater zu erschaffen, das einen vor schroffer Schönheit erschaudern lässt. Ein Relikt aus einer Zeit, in der Kohleschaufeln noch etwas völlig anderes war als heute. Ein vormaliger „Schandfleck“ sollte sich in der Folge durch dieses gemeinsame Anpacken explosionsartig zum allseits geschätzten Symbol einer Region mit Industrie- und Arbeiterkulturtradition mausern. Von Beginn an wurde der Brecher zum Logo und Banner für das Theater Hausruck.

Für die Idee eines zeitgeschichtlich-politischen Theaters auf historischem Boden konnten sich Schauspielstar Karl Markovics, Lokalmatador Franz Froschauer und die Burgtheatermimin Stefanie Dvorak auf Anhieb begeistern. Dazu kamen über 250 LaiendarstellerInnen, Bergknappen, MusikerInnen und freiwillige HelferInnen aus der Region. Aus einer Gegend, die nicht nur landschaftlich reizvoll, sondern auch eine sehr geschichtsträchtige ist. Aufgrund des konfliktreichen Nebeneinanders von ländlich-bäuerlicher und bergindustrieller Prägung, der geografischen Lage und der ausgeprägten Freiheitsliebe der tief in ihrer Heimat verwurzelten Menschen barg die jüngere Geschichte viele politische Konflikte und menschliche Tragödien, unzählige HausruckerInnen gerieten unter die Räder politischer Machtkämpfe und wurden unter ihnen zermalmt. Der Hausruck ist damit aber auch ein Ort, der für theaterarchäologische Grabungen wie geschaffen ist. Die vielen, zum Teil vergessenen und gern verdrängten Ereignisse der letzten hundert Jahre stempeln den Hausruck zu einem verwunschenen, fast mystischen Gebiet. Eine Gegend, die Stoff für engagiertes politisches Theater zu bieten weiß. Die Töchter und Söhne dieses Landstriches wurden aufgerufen, mitzumachen und schließlich gecastet. Um die Akteure auf „hunt oder der totale Februar“ vorzubereiten, wurde in Workshops ein ganzes Jahr lang Texte geprobt, „die Zeit“ und deren Charaktere von den DarstellerInnen verinnerlicht. Besonders intensiv war die Auseinandersetzung mit dem zeitgeschichtlichen Hintergrund sowie dem gegenwärtigen politischen Diskurs zum Thema „Bürgerkrieg 1934“. So wurden Zeitzeugenabende, Diskussionsrunden und Lesungen veranstaltet. Der ehemalige sozialdemokratische Spitzenpolitiker Casper Einem las „So starb eine Partei“ von Jura Soyfer und diskutierte anschließend in einem übervollen „Arbeiterheim Thomasroith“. Dr. Thomas Hellmuth, Assistent am Institut für Neuere Geschichte und Zeitgeschichte der Kepler Universität Linz, leitete ein diskursives Wochenende für historisch interessierte Laien in Ottnang, das durchaus brisante Eruptionen parat hatte: So bestieg ein über 80-jähriger Zeitzeuge die Bühne mit einer Stahlrute, erklärte deren Einsatz und Handhabung, dazu kamen jede Menge fiebrige Pro- und Contrabeiträge aus dem Publikum. Zahlreiche Dokumente wurden gesichtet und mit einem schwarzroten Oldtimerbus, dem sogenannten „Geschichtstaxi“, historische Schauplätze besucht. Die Funde dieser theater-archäologischen Reisen wurden zu Tage gefördert, besprochen und einiges davon in das Vorhaben mit eingewoben. Über die Vorgänge des Jahres 1934 wusste auch der aus dem nahen Pichlwang stammende Künstler Franzobel zunächst nichts. Auch nichts vom benachbarten Holzleithen, wo sein Stück um den Sozialdemokratische Schutzbundführer Ferdinand Fageth eigentlich spielt. Schon im Vorfeld sorgte das Stück mit dem doppeldeutigen Titel für einige Aufregung. Gräben würden aufgerissen werden, befürchtete mehrmals öffentlich der ÖVP-Landtagsabgeordnete und Bezirksparteiobmann Anton Hüttmayr, wohnhaft im nahen Puchkirchen. „Zensur!“ hieß es aus den Reihen des Theatervereins, die Aufregung ging durch die österreichische Medienlandschaft, der Konflikt fand ins Fernsehen.

Am 5.08.2005, als die untergehende Sonne lautlos in den westlichen Hausruckwald einschlug, begann das „närrische“ Treiben vor übervollen Besucherrängen in fiebriger Erwartung: Das Plärren zweier historischer „Maurersachs“-Mopeds eröffnet die Vorstellung. Die beiden Hauptdarsteller Karl Markovics und Franz Froschauer betreten sehr dynamisch die Szenerie, Markovics als Fageth und Froschauer in einer Doppelrolle als radikaler Schutzbundführer Skrabal und Heimwehrführer Frühwirt jagen sich, hetzen übers Gelände. Wie Regisseur Nicholas Ray im Film „Rebel without a cause“, mit James Dean in der Rolle seines Lebens, setzt Spielleiter Georg Schmiedleitner gleich zu Beginn auf einen halsbrecherischen Wettkampf. Ein Kopf an Kopf-Rennen um die ideologische Poleposition entbrennt. Das Knattern und Husten der hochtourig gefahrenen Mopeds ist gleichsam das Signal für die am Set erscheinenden Mitglieder einer 30-köpfigen Reisegruppe, sich ihrer modernen Regenponchos zu entledigen, darunter kommt Mode aus dem Jahr 1934 zum Vorschein. Bei der zweiten Umrundung des Kohlebrechers durch die beiden Hauptdarsteller auf ihren archetypischen Gefährten setzen sich auch die Frauen und Männer in Bewegung hin zum angedeuteten Arbeiterheim. Dort wird ausgelassen – maskiert, es ist Fasching im Februar 1934 – geschunkelt und getanzt. Es ist der feuchtfröhliche Vorabend der Revolution, Faschingskrapfen als Henkersmahlzeit. Die Schutzbündler tragen rote Hemden, die Hahnenschwänzler schwarze. Auf einem Balkon oberhalb der Szenerie, quasi über den Dingen: Der maskierte Bezirkshauptmann Doktor Frühwirt, „verarmter Adeliger mit Hang zur Dekadenz“, keift zum Schutzbundführer Fageth hinunter: „A Kugel gehört dir in jedem Fall, du Aufwiegler.“ Fageth antwortet im Jargon der Zeit: „Bin nicht neugierig auf dein Hahnenschwanzlergfries.“ Es wird totenstill, der entfesselte Tanz des Volkes wird nun leiser, summend, choreografisch weitergeführt. Die Gruppe im Arbeiterheim bewegt sich nun, wie die Äste eines Baumes vor dem Sturm. Nach der Stille dann erste hangreifliche Auseinandersetzungen. Der Zwist der beiden überträgt sich nun in rasender Geschwindigkeit aufs Volk. Schwarz-rote Abgründe tun sich auf. Das Stück zieht an, und Schmiedleitner alle Register. Wilde Massenszenen wechseln sich ab mit bedächtigen, leisen und intimen Momenten. Für monumentale Bildästhetik ist ebenso Platz wie Raum für kleine Details und zweiflerische Zwischentöne. Es ist vor allem der „rote“ Ferdinand Fageth, der mit geradezu atemberauben-schönen Monologen und Visionen über Treue und Verrat, über Zögern und Handeln in Liebe und Politik von Franzobel bedacht wurde. Ergreifend spielt Karl Markovics den zaudernden Hausrucknapoleon. Er wird gleichsam zum Symbol einer ausgezehrten, unschlüssigen Sozialdemokratie und er deklariert in seinem Schlussmonolog: „Das Volk ist eine Hure, das zeigt sich bei jedem Umbruch. Grauslich. Sieht, was es will, und treibt es mit jedem, der zahlt. Aber bin ich besser? Was für eine politische Richtung einer einschlägt, ob rechts oder links, hängt von den Umständen ab, aber was einer draus macht, ob er Mensch oder Arschloch ist, daran muss er sich messen lassen.“
Untermalt, umfasst und vorangetrieben werden sowohl die Handlung als auch die Figuren selbst durch den Klang der Region. Wiedergegeben durch die famose „Bergknappenkapelle Kohlgrube“, den 20-kehligen „Hausruckchor“ oder das extravagante „Zwüfihüttn-Trio“. Beinahe immer präsent der außergewöhnlich Sound der „hunt Brass Band“ unter der Leitung von Rupert Schusterbauer. Sie peitscht, macht Mut und eskortiert. Ob Sargballett, Häuserkampf oder Bordellszene: “Im Puff ist immer Standrecht“, sagen die Huren Pepi und Resi, als der viehisch gewordene Heimwehrführer Frühwirt, in Unterhose, auf einem fahrenden Freudenhaus einfährt, sich mit Sekt und Nutten vergnügt und anschließend zum Sturm auf die „Bastille der Proletarier“, dem Arbeiterheim, bläst. Höhepunkt des Stücks ist die historisch verbriefte Exekution der sechs Schutzbundsanitäter auf der Bühne des Kinosaals im Arbeiterheim. Fageth ist zu diesem Zeitpunkt dort schon nicht mehr anwesend. Er entfloh zuvor, in die Umgebung, und wird später in Frauenkleidern dennoch aufgegriffen.

Der Showdown in Holzleithen ist wirkungsvoll arrangiert. Der letzte Vorhang fällt in Form einer über 200 qm großen weißen Fahne. Mit ihm verschwinden auch die übergroßen Schatten der Ermordeten die sich darauf, im Gegenlicht, abzeichnen. Über bleiben, wie immer im Krieg der Männer, die Frauen, das Elend, viele Fragen und ein fürs Erstarken der kommenden Nationalsozialisten aufbereiteter Weg. Das Stück über die Entwicklung der Sozialdemokratie im letzten Jahrhundert gerät dabei nie zum tölpelhaften Lehr- oder Agitationsstück. Im Gegenteil: Polittheater, das mehr als den Namen Volksstück verdient. Beim traditionsreichsten und begehrtesten österreichischen Theaterpreis Nestroy war „hunt“ mit dem Spezial- und dem Autorenpreis das erfolgreichste Theaterstück 2005, erfolgreicher als etwa das Burgtheater und sämtliche Festspiele. Im darauf folgenden Jahr wurden dem Stück der Oö. Bühnenkunstpreis und der regional vergebene VöcklaKultur-Award verliehen. Alles nicht erwartete Auszeichnungen, die zeigen, was mit Engagement und Risikobereitschaft alles möglich ist. Die Theateraufführung von „hunt oder Der totale Februar” war aber nicht nur ein preisgekrönter Erfolg bei Presse, Publikum und JurorInnen, sondern ist auch der Beweis dafür, dass Sommertheater kritisch, sperrig, politisch offensiv UND erfolgreich sein kann. Die insgesamt 12 000 BesucherInnen wurden zu GeburtshelferInnen eines neuen Typus von Polittheater. Immer in klarer Abgrenzung zum Schickeria-Treff in Salzburg und zur Nostalgie-Sause in Mörbisch.

Der Erfolg des Theater Hausruck basiert nicht zuletzt auf den grandiosen Leistungen der DarstellerInnen – Profis wie Laien. Die Zusammenarbeit namhafter SchauspielerInnen mit spielfreudigen Menschen aus der Region imponiert nicht nur dem Publikum, sondern bewirkt in diesem hochprofessionellen Theaterumfeld auch eine Qualifizierung der LaiendarstellerInnen. Anders formuliert: Angewandte Kunstvermittlung, die weit über das Niveau typischer Sommertheaterunterhaltung hinausgeht. Das betrifft auch die Einbindung regionaler Musikschaffender (Komposition der Theatermusiken durch den ortsansässigen Musikers Rupert Schusterbauer und Live-Darbietung durch regionale Ensembles) und Theaterbegeisterter (Dramaturgie, Mitarbeit Bühnenbau, Bühnenbild, Maske und Kostüm). Der Kunstvermittlungs-Ansatz des Theater Hausruck ist ein bewusst integrativer: Jugendliche, Erwachsene, SeniorInnen, Menschen mit Behinderung entwickeln und tragen die Produktionen in bedeutendem Ausmaß mit. Hier vollzieht das Theater Hausruck Pendelbewegungen zwischen Realität und Fiktion, zwischen Gegenwart und Vergangenheit, Mahnmal und Volksstück. Vor und hinter den Kulissen stemmen sich Akteure mit politischem Bewusstsein gegen das Vergessen, betätigen sich gleichsam als BildhauerInnen und formen eine soziale Skulptur, die trotz oder wegen ihrer bewußt regionalen Verankerung internationales Aufsehen hervorruft. Sie setzten 2005 einen vibrierenden Dynamo in Gang, der bis 2008 nicht nur einen Strom von 30. 000 BesucherInnen erzeugt, sondern auch regionalwirtschaftlich wichtige Impulse gegeben hat.

Durch den Mut der Theaterverein-Verantwortlichen und durch den Einsatz hunderter engagierter Menschen war und ist es möglich, an einem verloren geglaubten Ort die allzu nahe Geschichte freizulegen und die Frage des Umgangs mit den historischen Ereignissen aufzuwerfen. 2010 soll lenz die mit hunt und z!pf begonnene Zeitgeschichte-Trilogie komplettieren. Mit dieser, deren Spielorte am Ende auf der Landkarte ein Dreieck bilden werden, dessen Spitze auf Braunau, des „Führers“ Geburtsort zeigt, hat es sich die Initiative zur Aufgabe gemacht, die Aufarbeitung von vergessenen, verdrängten oder unbekannten Ereignissen vor, während und nach der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft im oberösterreichischen Hausruckgebiet voranzubringen und zu dokumentieren. Geforscht wird interdisziplinär, ganzjährig und zum großen Teil ehrenamtlich. Die recherchierten Themen gelangen in Form eines Theaterstücks zur Aufführung. Alle drei Teile, hunt, z!pf und lenz werden von Franzobel geschrieben und von Georg Schmiedleitner inszeniert. Ein Rechercheteam wird von einer Filmcrew begleitet, eine DVD mit ZeitzeugInnen-Gesprächen von jedem Teil erstellt und meist in einem Volks-Fest uraufgeführt.

Alle Erkenntnisse über das „KOHLEktive Gedächtnis“ der ehemaligen Bergbauregion Hausruck sollen nach Abschluss der Zeitgeschichtetrilogie in Form eines Archivs öffentlich zugänglich gemacht werden. Zudem wird das Theater Hausruck nach Kräften versuchen, den Gastspiel- und Kooperationsangeboten aus Luxemburg, Frankreich, Litauen und Deutschland nachzukommen.

Von den Schmauchspuren des Bürgerkriegs zum Theaternebel, von Thomas Bernhard zu Franzobel, von der einzelnen Aufführung zur Trilogie. Vom Projekt zum Theater, vom Bergarbeiterort Kohlgrube zur Kulturgrube: „hunt oder der totale Februar“ ermöglichte dem Hausruck, den Beteiligten – und mir persönlich – einen unruhigen, anhaltenden Sommernachtstraum, der lange anhalten soll – und wird.

chris müller